Im Text: Digitaler Wandel

Fit für die Zukunft

28. Februar 2018 – 

Digitale Technik, Prozesse und Anwendungen krempeln die Wirtschaft um. Welche Unternehmen meistern den Wandel am besten? Der große Check quer durch alle Branchen

Wo stehen Deutschlands Unternehmen beim Thema digitaler Wandel? Etwas mehr als ein Viertel fühlen sich gut aufgestellt. Mit Blick auf Digitalisierungsthemen wie etwa Breitbandzugang und Informationstechnologie-Ausstattung, Anwendungsspektrum, Aufgeschlossenheit und Kompetenz handelnder Personen stufen sich 27 Prozent aller Betriebe laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags aus dem Jahr 2017 als „voll“ oder „nahezu voll“ entwickelt ein. Ein leichtes Plus gegenüber der Erhebung zwölf Monate zuvor.

Das Bild ist von Branche zu Branche allerdings recht unterschiedlich. Während unter den Unternehmen der IT-Wirtschaft erwartungsgemäß knapp zwei Drittel für sich reklamieren, vollkommen bzw. nahezu vollkommen den digitalen Wandlungsprozess bewältigt zu haben, gaben
dies unter den Betrieben der Bauwirtschaft und der Verkehrswirtschaft nur elf beziehungsweise 15 Prozent an.

Digitale Vorreiter

Aber natürlich gibt es auch in diesen Zweigen digitale Vorzeigebetriebe. Welche das sind, hat DEUTSCHLAND TEST ermittelt. Aus den rund 10.000 größten Unternehmen hierzulande in mehr als 70 Branchen und Bereichen wurden mit wissenschaftlicher Begleitung durch das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) die Digital-Champions ermittelt.

Die Diagnose aus der Erhebung: Das Thema Digitalisierung steht bei fast allen Unternehmen ganz oben auf der Agenda, egal, ob kleinerer Mittelständler oder global agierender Konzern, weiß Professor Henning Vöpel, Geschäftsführer des HWWI. „Bei vielen beobachten wir jedoch, dass sie nicht richtig wissen, wo sie anfangen sollen, was der erste Schritt sein könnte“, so der Wissenschaftler. Vielfach werde das Thema zu eng als technische Herausforderung verstanden und beispielsweise nur auf die Digitalisierung von Abläufen und Prozessen im Betrieb fokussiert.

Geschätzte Ingenieurskunst

„Eine echte Transformation bedeutet aber weit mehr. Am Ende geht es darum, die komplette Unternehmenskultur zu verändern, von der Organisation, wie miteinander gearbeitet wird, über Abläufe und Prozesse bis hin zur Forschung und Entwicklung, die es in eine permanente Innovation zu überführen gilt“, erläutert Vöpel.

Da die deutsche Wirtschaft sehr stark industriell geprägt sei, erweise sich der Transformationsprozess vielfach als besonders hohe Hürde, betont der HWWI-Chef. Auch wenn die Unternehmenslandschaft sehr robust, die Innovationskraft stark und deutsche Ingenieurskunst weltweit geschätzt sei, hält er es für möglich, dass auch große Konzerne den Wandel nicht schaffen und auf der Strecke bleiben.

Im internationalen Vergleich des Digitalisierungsprozesses fällt die Bewertung der deutschen Wirtschaft gemischt aus. So sehen die Berater von Deloitte etwa in Sachen Investitionen in IT und Start-up-Kultur in Relation zu den übrigen OECD-Staaten deutlichen Nachholbedarf. Bemängelt werden unter anderem eine skeptische Einstellung zum Unternehmertum und eine mangelnde Ausstattung mit Wagniskapital.

Top sei indes die Talente-Pipeline. Hier stuft Deloitte Deutschland auf Rang zwei im OECD-Vergleich ein auf Grund der hohen Anzahl an Studenten in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und der ausgezeichneten Qualität der Hochschulausbildung. Mehr als 15 Prozent der Studierenden in Deutschland sind in einem MINT-Fach eingeschrieben, sieben der 100 besten technischen Universitäten der Welt stehen zwischen Nordsee und Alpen (u. a. München, Aachen, Dresden).

Der Test

Digitale Champions

Methodik: Die Details der Untersuchung

Für die Ermittlung der Digital-Champions in der Bundesrepublik nahm Deutschland-Test mit Unterstützung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) die nach Mitarbeiterzahl größten rund 10.000 Unternehmen hierzulande unter die Lupe. Die Bewertung erfolgte auf Basis von zwei Erhebungen.

Umfassender Fragebogen

Zum einen mussten die Unternehmen einen umfassenden Fragebogen ausfüllen, der unterschiedliche Aspekte der Digitalisierung im Betrieb abdeckte. In den fünf thematischen Blöcken Daten, Prozesse, Arbeit, Kommunikation und Digitaler Wandel wurden rund 30 Einzelaspekte erfragt und bewertet, darunter, wie sich die Zahl der IT-Fachkräfte und der Investitionen im Bereich Digitalisierung entwickelt, welche digitalen Projekte im Rahmen der Unternehmenskommunikation bereits umgesetzt wurden, inwieweit die Mitarbeiter digital geschult werden, wie Datenschutz und Datensicherheit gehandhabt werden, inwieweit Prozesse mittels datengestützter Algorithmen und Software gesteuert werden oder ob brancheninterne oder -übergreifende Netzwerke zum Technologie- oder Wissensaustausch genutzt werden.

Web-Auswertung

Die zweite Quelle für die Bewertung war ein Social Listing. Für dieses wurden im ersten Schritt mit Hilfe des sogenannten Crawling sämtliche Texte, die im Jahr 2017 im Internet zu den untersuchten Unternehmen erschienen sind, gesammelt und in einer Datenbank abgelegt. Im zweiten Schritt analysierte eine selbstlernende Software die Texte und erfasste Aussagen zu Digitalisierungsprojekten und -fortschritten, zu neuen Produkten und Dienstleistungen und digitalisierungsgetriebenen Innovationen. Bewertet wurde schließlich, in welcher Größenordnung positive, negative und neutrale Aussagen zu den Unternehmen und den untersuchten Kategorien erkennbar waren.

Gesamtwertung

Für die Gesamtwertung wurden die Punkte aus dem Fragebogen und dem Social Listing zusammengeführt. Das Unternehmen mit der höchsten Gesamtpunktzahl in jeder Branche bekam den Punktwert 100 zugewiesen und setzte damit die Benchmark. Die übrigen Wettbewerber wurden ihrer Gesamtpunktzahl entsprechend dahinter einsortiert. Die Auszeichnung Digital-Champion erhielten alle Unternehmen, die mindestens 60 der maximal 100 erreichbaren Punkte erzielten und auf mindestens 20 Nennungen im Beobachtungszeitraum kamen. Insgesamt konnten 415 Unternehmen ausgezeichnet werden (Ergebnisse s. PDF zum Download oben rechts).

 

(veröffentlicht in FOCUS-MONEY 10/2018 vom 28. Februar 2018)

 


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